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short score

 

 

BAREFOOT IN THE PARK / THE ODD COUPLE
Neal Hefti (Varèse Sarabande)


Obwohl die hier präsentierten Scores ihrerzeit LP-Veröffentlichungen erfuhren, präsentiert Varèse auf dieser CD erstmals die originalen Mono-Filmeinspielungen. Es handelt sich in beiden Fällen um Vertonungen von Neil-Simon-Komödien, und beiden ist auch gemein, dass sie sehr auf ihre jeweiligen Hauptthemen fixiert sind. Neal Hefti tut, was er am besten kann: Unterhaltungsmusik mit hohem Wiedererkennungswert und Eigenschaften, die seinen Jazz-Background offenbaren. So ist es in Barefoot in the Park nebst einigen perkussiven, die Komödie mittragenden Elementen das oft mit leichtem Barock-Touch versehene Hauptthema, das die Szenerie bestimmt, in Gestalt von Walzer, Jahrmarktsmusik und Bossa-Nova daherkommt und auch in Bearbeitungen für Chor und für Hammondorgel zu hören ist. Zwischendurch verschafft sich auch mal fremdländische Folklore Gehör. Wurde die LP zu The Odd Couple ob der Kürze des Scores noch mit Dialogtracks aufgepimpt, verbleiben auf dieser CD ‒ rechnet man die zwei Demos am Ende des Programms dazu ‒ gerade noch rund 17 Minuten Musik. Das lässige Hauptthema mit dem charakteristischen Cembalo ist natürlich ein absoluter Hefti-Klassiker, nicht zuletzt deshalb, weil es auch für die 1970er-Fernsehserie Verwendung fand. Fans davon kommen hier auf ihre Kosten ohne Gefahr zu laufen, des Themas überdrüssig zu werden. Nebst ein wenig Soul, Rock und dem leider viel zu kurzen Tomatoes mit witziger Elektro-Orgel gibt's mit dem augenzwinkernd ernsthaften Left with a Curse noch ein im Film nicht benutztes Stück zu hören. Wer gerne mal die Sorgen des Alltags für ein Weilchen abstreifen will, der ist bei Neil und Neal in guten Händen.

  as

 
 



 

JULES VERNE'S ROCKET TO THE MOON
John Scott (Kritzerland)

 

Kritzerland hat zuletzt einiges an obskuren Sachen herausgebracht, diverse Cast Recordings, CDs zu Filmen wie The Gang's All Here, sogar eine blu-ray zu einem Bruce Kimmel Produkt „The First Nudie Musical“ oder die Vocal-CD Kay Cole (??). Nicht immer das, was sich die Filmmusikgemeinde so wünscht. Zum Glück schafft es Kritzerland aber immer noch wenigstens ab und an etwas Feines wie diesen frühen John Scott zu veröffentlichen. Jules Verne's Rocket to the Moon stammt aus der Anfangszeit des Engländers, der sich einerseits mit seinem Saxophonspiel bei John Barry, andererseits mit seinem Score zum Sherlock Holmes/Jack the Ripper Film A Study in Terror (1965) einen Namen machte. So wurde Regisseur Don Sharp aufmerksam auf Scott und engagierte ihn für seine Komödie, die sich im Umfeld von Those Magnificent Men in Their Flying Machines tummeln sollte. Scott liefert einen klassischen, witzigen und unterhaltsamen Score ohne ermüdendes mickey mousing und kaum Ähnlichkeiten zu Ron Goodwins Klassiker, dafür mit einigen feinen Themen, um die es bei Scott zumeist gut stand - – wenn man den Score auch nicht sogleich ihm zugeordnet hätte!. Der mehrfach umbenannte Film war und ist eine ziemlich unbekannte Angelegenheit, trotzdem gab es seinerzeit eine LP. Kritzerland hat deren Programm 1:1 übernommen und so bleibt die Frage, ob es möglicherweise nicht mehr Musik gegeben hätte? So oder so, eine tolle Filmmusik eines tollen Filmkomponisten.

     phb
 
 

 

 

 

MAKING LOVE / RACE WITH THE DEVIL
Leonard Rosenman (Intrada)


Für Making Love, ein Film über einen Mann, der seine lang unterdrückte Homosexualität nicht länger verheimlichen kann, schrieb Rosenman eine äusserst gefühlvolle und berührende Musik, die in erster Linie von Streichern, Holzbläsern und Klavier getragen wird, und die nebst viel Romantik auch barocke Elemente beinhaltet. Eine Mischung aus Barock und Jazz bietet etwa Bart, wo Saxophon und Gitarre das Geschehen bestimmen. In Postlude verarbeitet Rosenman das bekannte Rondo aus der Klaviersonate in B-Moll von Carl Philipp Emanuel Bach, und dieses fügt sich mühelos in die DNA seiner eigenen Musik ein.
Als Peter Fonda und Warren Oates in Race with the Devil Zeugen einer Opferzeremonie werden, ist es vorbei mit dem lauschigen Ferientrip, denn die dafür verantwortlichen Satanisten setzen alles daran, sie samt ihrem riesigen RV aus dem Weg zu räumen. Zu Leibe rückt ihnen auch Rosenman, der nach einem garstigen Main Title zunächst zwar handlungskonform mit verspielten Holzbläsern und Cembalo Sorglosigkeit verbreitet und auch vor Zirkusklängen nicht zurückschreckt. Doch bricht er schon bald mit musikalischen Traditionen, verwendet bizarre Effekte (u. a. eine Elektro-Violine, die den Teufelsanbetern eine verstörende Stimme verleiht) und greift auch wieder zu seinem Markenzeichen, der Klangpyramide. Damit gestaltet er vor allem längere Tracks wie The Crash, Wizard Reacts und Phony Accident zu Höllenritten sondergleichen. Die sind wahrlich nichts für zarte Gemüter, aber sicherlich Sahnestücke für alle Fans des «modernen» Rosenman.
Eine empfehlenswerte Scheibe, die sehr anschaulich Rosenmans Vielseitigkeit, die vielleicht nicht allen bewusst ist, herausstreicht. Kaum etwas wird Skeptiker eines Besseren belehren als Making Love, der ob seiner wohltuenden Klänge auch für viele Liebhaber des Komponisten eine Entdeckung sein dürfte.

  as

 
 


 

3 HOMMES À ABATTRE / LE GITAN
Claude Bolling (Music Box Records)


Bereits zum fünften Mal trafen das Trio Deray-Delon-Bolling bei 3 hommes à abattre aufeinander. Delon gibt hier einen Spieler, der unversehens ins Fadenkreuz eines Mordanschlags gerät. Claude Bollings Musik ist kühl und gleichzeitig zugänglich, mit einem Hauptthema (im ersten Track „Générique“ zu hören), das Bolling zunächst von den Streichern intonieren lässt. Im Verlauf des Scores erklingt es verstörter, meist von den Holzbläsern gespielt. 3 hommes à abattre erscheint dieser fast 45minütigen Version als Weltpremiere, eine weitere, willkommene Musik zu einem Alain Delon Film. Le gitan ist die andere Premiere, die auf dieser CD Platz fand. Hierfür sollte man ein Faible für „Zigeunermusik“ à la Django Reinhardt mitbringen. Bolling seinerseits kam erst zum Projekt, nachdem François de Roubaix die Zeit weglief und ein Musiker namens Lick bereits ein Lied („O Sinto“) für den Film komponiert hatte.
Eine gelungene Veröffentlichung des französischen Music Box Records Labels und Hut ab, dass man sich die Arbeit nimmt, solche Trouvaillen ausfindig zu machen! Ein Schwachpunkt sind nach wie vor die Liner Notes, die vielleicht besser in nur einer Sprache, dafür ausführlicher präsentieren werden sollten.

   phb

 
 


 

BROADCHURCH
Ólafur Arnalds (Mercury Classics)


Broadchurch ist eine britische TV-Serie, die von 2013 bis 2017 während drei Staffeln ausgestrahlt wurde. Sie erzählt von der Ermordung eines 11-jährigen Knaben und wie dies ein kleines, englisches Küstenstädtchen und dessen Bewohner durch alle möglichen Gefühls- und Handlungsstadien führt. Die Musik stammt von Ólafur Arnalds und wurde nun für The Final Chapter veröffentlicht. Sowie die Serie auf Drama, Dialoge und Schauspiel statt auf Effekthascherei und Tumult setzt, so spielt auch Arnalds Filmmusik auf leisen, introvertierten, bedrückenden Tönen. Das Fundament bilden ruhige Streicher. Darüber hinweg spielen alternierend Solovioline, Klavier, pulsierende Perkussion oder synthetische Klangeffekte. Das Ergebnis reiht sich komfortabel in die Arbeiten zu diesem und ähnlichen Genres ein (bspw. Reservation Road (2007) und ähnliche urbane Dramascores von Mark Isham), vermag jedoch nicht herauszuragen.

1/2    bb

 
  

 


 

THE PROMISE
Gabriel Yared (Lakeshore)


Nicht nur, dass der Film (mit Christian Bale und Oscar „Poe Dameron“ Isaacs) über den Genozid in Armenien (ein schlimmes Geschichtskapitel zu dem die Türkei bis heute nicht steht und keine Verantwortung übernimmt) beim Publikum durchfiel, leider ist auch die Musik von Gabriel Yared ein erstaunlich eingebungsloses Gebastel aus arg versuchtem Drama, ethnischen Ansätzen, in teilweiser Bedeutungslosigkeit versinkend. Auch wenn zwei, drei Tracks für sich genommen Interesse wecken können, im Gesamtbild des Scores, der nach wie vor nicht auf CD erschienen ist (laut Lakeshore sei man da noch am Booklet etc., ich habe eher das Gefühl es liegt am schlechten Einspielresultat), herrscht beim Zuhören erstaunliche Verduztheit, zeigte Yared mit Amelia und Juste à la fin du monde doch, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Entweder ist bei The Promise einiges schief gegangen oder der in Beirut geborene Komponist fand hier schlicht nicht die nötige Inspiration. Eigentlich schade, Ausgangslage, Stoff und die Ankündigung Yareds als Komponist des Projekts haben durchaus Vorfreude geweckt.

  phb
 
  



 

LOGAN
Marco Beltrami (Sony Music)


Nach The Wolverine (2013) setzt Marco Beltrami seine musikalische Reise an der Seite des alternden Mutanten fort. Auch für Logan (2017) schuf er überwiegend düstere, urbane Klangwelten. In Anbetracht des meist bedrückten, zornigen bis verzweifelten, resignierenden Gemütszustandes von Logan, ist diese Musik im bildlichen Kontext sinnvoll, doch als Hörerlebnis eine anonyme, überwiegend austauschbare Soundkulisse geworden. Lediglich ein paar melancholischere Passagen auf der Glasharmonika („Laura’s Theme“ in verschiedenen Versionen) vermögen ab und an aufhorchen zu lassen. Der Rest scheint für Beltrami eine Fingerübung im Ambient- und Jazz-infuced-Scoring zu sein, denn auch widerborstigere Actionstücke haben in anderen Arbeiten von Beltrami schon engagierter und „zugänglicher“ geklungen. Die enthusiastischen Zeilen von Regisseur und Komponist im Booklet mögen sich auf handwerkliche Aspekte dieser Arbeit beziehen, doch auf die Musik hat sich diese kaum auswirken dürfen. Damit bleibt der Wolverine aus musikalischer Sicht grau und kühl.

  bb

  
  



TULIP FEVER
Danny Elfman (Sony Music)


Nach den eher mondänen Arbeiten zu The Girl on the Train (2016) und Fifty Shades Darker (2017) präsentiert Komponist Danny Elfman mit Tulip Fever (2017) eine sehr willkommene Abwechslung in Klang und Tempo. Seine Kompositionen leben von drängenden Streichern und melancholischem Klavier – orchestral und sehr elegant über weiteste Strecken. Das zentrale Sophie’s Theme ist schön anzuhören und tänzelt mal süss, mal melancholisch durch die Boxen. Maria’s Theme bildet einen ruhigeren Gegenpol. Dazwischen bewegen sich Elfmans Texturen und Stilismen à la klangschöne Werke wie Black Beauty (1994) oder Sommersby (1993) aus seinem früheren Schaffen. Tulip Fever fällt dahingehend gegenüber den genannten Titel ab, als dass hier nicht annähernd so stark nachhallende Themen präsent sind. Daher lädt diese Filmmusik für ein entspannendes, wohlklingendes Erlebnis zu mehrmaligem Hören ein, halt anschliessend jedoch leider kaum nach.

  bb
 
 


KISS THE DEVIL IN THE DARK / CREATURES OF WHITECHAPEL
Gerrit Wunder (Scream Works)


Dass der junge, österreichische Komponist Gerrit Wunder auch schon in Hans Zimmers Remote-Control-Team gearbeitet hat, merkt man zumindest den auf dieser CD vereinten Werken nicht an. Sie entstanden für zwei Kurzfilme und erweisen sich in Form und Verarbeitung als respektable Old-School-Horrorscores. Kiss the Devil in the Dark baut auf drei Grundgedanken: Ein dunkles Thema für den Magier Marcus, das gleichzeitig für die allgemeine Stimmung des Scores zuständig ist, ein Liebesthema, dessen Tragik sich insbesondere im Spiel von Streicher-Soli äussert und ein nichts Gutes zu befürchtendes Thema für Marcus' Erzfeind Dagon. Für weitere Akzente sind Spieldosenklänge und ein Chor besorgt. Creatures of Whitechapel vereint mit Jack The Ripper und Dr. Frankenstein zwei Horror-Ikonen. Dieser Score verfügt mit dem Frankenstein-Thema über ein sehr geschäftiges, vorwärtstreibendes Motiv, und dem für einmal weiblichen Igor/Jack The Ripper wird ein düster-klagendes Thema zugewiesen. Aufgelockert wird die bedrohliche und spannungsgeladene Stimmung durch zwei barocke Stücke; zunächst in Dinner for Two durch ein längeres Violin-Solo, dessen beschwingtes Thema später in Sonata for Harpsichord_1 vom Cembalo übernommen wird.
Wunder erfindet mit diesen beiden Scores das Horrorfilmmusik-Rad nicht neu und ist sicher nicht frei von Einflüssen. Aber es springt einem nichts mit «so ähnlich auch schon gehört» direkt ins Gesicht. Er serviert ganz ordentliche Grusel-Kost, die sich auf CD besser macht als so manche Genremusik aus der jüngeren Zeit.

1/2   as

 
 13.5.2017